Was für ein großes Glück, dass es derzeit so viele Wiederentdeckungen auf dem Buchmarkt gibt. Dadurch können wir im Original oder neuen Übersetzungen Autoren wie James Baldwin, John Williams, Elizabeth Taylor oder Dorothy Baker (wieder) lesen.


Bei Nagel & Kimche erschien nun der zweite wiederentdeckte und neu übersetzte Roman "Country Place" von Ann Petry. Schon "The Street" von 2020 hat mich gefesselt (siehe ältere Besprechung) - der Roman über die alleinerziehende Luthie Johnson, die im Harlem der 40er Jahre für ein besseres Leben kämpft.
In "Country Place" begibt sich die afroamerikanische Schriftstellerin nun in die Kleinstadt Lennox in Connecticut. Johnnie Roane kehrt nach vier Jahren aus dem Zweiten Weltkrieg zurück und ist voller Erwartung und Vorfreude auf Glory, seine junge Ehefrau. Das Wiedersehen wird für beide jedoch eine Enttäuschung, denn die Zeit ist in der spießigen, bigotten Kleinstadt nicht stehengeblieben und Johnnie muss feststellen, dass er seine Ehefrau glorfiziert hatte.
Nach allen Regeln der Erzählkunst beschreibt Petry den Sturm, der in den nun folgenden drei Tage aufzieht, der nicht nur die Bäume entwurzelt und Häuser abdeckt, sondern auch die Beziehungen der Bewohner von Lennox durcheinanderwirbelt. Die Schilderung der Figuren und ihrer Psychologie ist unglaublich gut! Ebenso wie die Beschreibung der Boshaftigkeit, des Egoismus und der Klatschsucht der Einwohner.
Das unbedingt lesenswerte Nachwort von Farah Jasmine Griffin ordnet das Werk ein und erläutert, warum Petry ihren Roman in der Gemeinschaft der White-Anglo-Saxon-Protestants spielen lässt und warum Vorurteile und Rassismus, anders als in "The Street" nur über die Nebenfiguren angeprangert wird.
Hochdramatisch, lesenswert, spannend, düster.
Im nächsten Frühjahr erscheint "The Narrows". Ich freue mich darauf!

Übersetzung: Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann
Roman
Nagel & Kimche , 24,00 €

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